Claudio Baglioni's aussergewöhnliches Interview
Wenige Stunden vor seinem Konzert im Kongresshaus Zürich gewährte mir Claudio Baglioni im Dolder Grand Hotel ein aussergewöhnlich beeindruckendes Interview, welches ihn in seiner unkomplizierten und gewinnenden Art auszeichnet.
Im März hast Du Deine Welttournee, welche Dich in die Metropolen der fünf Kontinente bringt, in den USA begonnen. Unter welchem Stern steht diese Tour, die Du mit dem Titel „Eine einzige Welt“ bedacht hast ?
Nun, dies beinhaltet gleich verschiedene Bedeutungen: zum einen ziehe ich damit den Faden der Konzertabfolge rund um den Erdball, zum andern fährt das Schiff „Musik“ in allen Weltmeeren, und schliesslich beinhaltet es auch die Suche nach der alles verbindenden Kraft, welche die Völker dieser Erde zu vereinen vermag. Letztendlich handelt es sich um eine persönliche wie auch berufliche Weltfahrt.
Während Deiner Konzerttournee begegnest Du nicht nur dem Publikum, sondern hast auch die Gelegenheit, Vertreter der diversen kulturellen Institutionen des jeweiligen Gastlandes kennenzulernen; gestern hast Du der Casa degli Italiani und damit der italienischen Gemeinschaft einen Besuch abgestattet. Welche Absicht verfolgst Du mit diesen Begegnungen?
Ich möchte wissen, welches Leben unsere Landsleute im Ausland führen. Italiener waren seit jeher ein Volk von Reisenden, sei’s durch existentielle Last oder aus Lust. Ausserdem bemühe ich mich auch darum, die in der Welt verstreuten italienischen Gemeinschaften aufzuspüren und zu verstehen, welche Prägung sie durch ihr Wesen zu hinterlassen. Mitte der 90-er habe ich mich gänzlich zurückgezogen, da ich mich in der Tiefe meines Wesens durch die Reiserei in einer gewissen Weise zu verlieren glaubte: ich empfand es nur noch als blossen Standortwechsel. Dieses Mal hoffe ich, von Beginn im März in Nordamerika bis zum Ende im nächsten Februar, auf eine Erweiterung meines Bewusstseins und meiner Lebenserfahrung, gerade so, wie es den Reisenden früherer Zeiten zuteil wurde.
In den letzten Jahren hat die Liebe zur Musik immer mehr auch die Züge von sozialem Engagement angenommen. Dir ist auch das heikle Thema der Immigration ein Anliegen. Was hat Dein Interesse an der illegalen Einwanderung geweckt und wie entstand der Antrieb zur Gründung der Stiftung O’Scià?
Das Ganze entstand eigentlich eher zufällig. Vom Hörensagen kannte ich diese im Mittelmeer verlorene Insel und während einiger Jahre verbrachte ich dort auch meine Ferien. Lampedusa erlebte eine regelrechte Ueberschwemmung von verzweifelten Menschen, welche keine Mühe und Gefahr scheuten und unter erbärmlichen Umständen ganz Afrika durchquerten, um schlussendlich, von skrupellosen Zöllnern um ihr letztes Geld erleichtert, in die Gefahr des offenen Meeres Richtung Italiens geschickt zu werden. Dies ist das zutiefst bedrückende Phänomen der illegalen Einwanderung, welches wie eine böse Krankheit totgeschwiegen wird. Ich habe einfach mein Mögliches zur Verfügung gestellt, d.h. meinen Gesang und meine Musik, eine Bewegung, der sich mittlerweilen mehr als 200 italienische und ausländische Künstler angeschlossen haben, um den Gedanken der Völkerverbindung und der kulturellen Integration zu entfalten.
Aber was vermag die Musik wirklich angesichts dieser grossen Problematik zu bewirken, wo sogar die Politik versagt und Antworten schuldig bleibt?
In der Tat hat sich die Politik bisher nicht um Lösungen bemüht. Wir beanspruchen nicht die Weisheit der Lösung und können diese auch nicht liefern, auch weil keiner unserer aktiven Künstler politisch tätig ist. Unsere feste Absicht ist, die italienischen Institutionen, Rechtsorgane im In- und Ausland und natürlich auch die Öffentlichkeit für dieses Thema zu sensibilisieren. Dahinter steckt viel Aufwand, auch weil das Organisieren in und für Lampedusa den Arbeitsbedingungen auf dem Mond ähnlich kommt!
Verrätst Du uns bereits etwas über die nächste Veranstaltung des Festivals O’Scià?
Nun, eigentlich fahren wir mit unserem Schiff auf Sicht, d.h. wir handeln nach Bedarf. Daher haben wir für unsere Stiftung auch das Emblem mit einem Boot auf Notenblättern gewählt. Die nächste Veranstaltung findet Ende September bis anfangs Oktober statt. Ich habe bereits einige Einladungen verschickt, wobei ich versuche, jene Künstler zu schonen, welche sich in den letzten Jahren engagiert haben, auch weil dies auf Freiwilligkeit beruht und mit Verzicht auf Engagements verbunden ist. Es werden jedoch zwischen 30 und 40 Musiker, Sänger, Autoren, Schauspieler und Fernsehleute dabei sein. Die Idee ist, Abende mit Festivalcharakter zu generieren, dies in der Absicht, durch die Musik eine Plattform zur Begegnung und Integration zu schaffen. Daneben gibt es aber auch themenbezogene Aufführungen. In etwa einem Monat werden wir die genauere Planung abgeschlossen haben. Daneben beabsichtigen wir eine ganze Serie von weiteren Aktivitäten mit italienischen und europäischen Institutionen. Und wir erwägen, das Festival O’Scià auch ausserhalb Lampedusas durchzuführen, so wie wir es in Malta mit Cocciante und Morandi mit einem wunderschönen Konzert gemacht haben.
Gibt es Unterschiede zwischen Deinem italienischen und dem ausländischen Publikum oder siehst Du verbindende Gemeinsamkeiten unter Deinen weltweiten Fans?
Ich muss gestehen, dass ich zuweilen im Ausland fast auf mehr Wärme und Aufmerksamkeit treffe. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass das Publikum in seiner Zusammensetzung gemischter ist; und es gibt tatsächlich Fans, welche mich auf meinen Etappen streckenweise begleiten. Es entstehen dabei magische Momente, eine durch diese Zusammensetzung erhöhte Energie. Ich habe immer an die bereichernde Kraft der Durchmischung geglaubt, gleich wie dies bei Metalllegierungen und allgemein in der Kunst und ihrem Ausdruck geschieht. Die erfolgreiche Vereinigung von Unterschiedlichem hat bisher noch immer unsere Gesellschaft weitergebracht.
Wie wird Deiner Meinung nach die italianità im Ausland wahrgenommen?
Es gibt Klischees über die Italiener, aber auch Werte, die sie verbinden. Ich bedaure jedoch einen Zerfall gewisser Anlagen: waren wir früher kämpferisch, so sind wir heute konkurrenzorientiert, sorgten wir früher für Aufsehen, machen wir heute nur noch Getöse. In jedem Fall wird der Begriff durch die Idee des Made in Italy, den weltweit beachteten guten Geschmacks und Stils geprägt, bestimmt auch hier in Zürich.
Gibt es etwas typisch Italienisches, auf das Du auch während Deiner Tourneen fernab Deiner Heimat Rom nicht verzichten möchtest?
Ich beharre nicht wirklich auf unsere Küche. Wenn ich jedoch im Ausland die Gelegenheit dazu habe, besuche auch ich gerne ein italienisches Restaurant. Nun ja, für länger als einen Monat auf spaghettino al pomodoro zu verzichten fällt mir enorm schwer. Ausserdem gebe ich alles für ein Stück meines Lieblingskäses Caciocavallo. Glücklicherweise findet man heutzutage überall etwas gutes Italienisches, was das Gepäck stark erleichtert.
Welches sind die charakteristischsten Werte, welche die Italiener mit Stolz den kommenden Generationen weitergeben sollten?
Es gibt Eigenschaften, welche uns wirklich von anderen unterscheiden und die man im Tresor aufbewahren sollte, sind sie doch an die Schönheit als Begriff gebunden. Der Sinn für Schönheit ist allen Italienern eigen, da es immer etwas Schönes gibt, selbst wenn wir in einen hässlichen Ort hineingeboren wurden. Es gibt immer schöne Flecken, welche unsere Vorfahren erschaffen haben. Wenn Du in eine Umgebung mit lauter Schönheit hineingeboren wurdest und darin lebst, wächst Dein Schönheitsempfinden mit Dir, was nicht Streben nach Luxus bedeutet, sondern ein Gespür für Harmonie, Anstand und Redlichkeit. Dies sind meiner Meinung nach die Schätze, welche wir sicher bewahren sollten. Leider zeichnet sich auch in Italien die Tendenz ab, reichlich vorhandene Ressourcen geringzuschätzen. Die kulturellen Güter sind unser wertvoller Rohstoff und wir müssten vermehrt unsere Städte durch das Gedankengut der Gemeinschaft und des Bürgertums aufwerten.
In Dir leben die Leidenschaft für die Architektur sowie die Liebe zum Meer, welches Du zahlreich besungen hast, zusammen. Wenn nicht Rom als Lebensmittelpunkt, würdest Du eine Grossstadt oder einen Ort am Meer wählen?
Mit der Architektur verhält es sich wie mit der Musik: man sagt, die Musik sei eine Architektur ohne Haus. Das Meer umfängt mich immer mit tiefen, wunderbaren Gefühlen, und wenn ich Rom verlassen sollte, würde ich mich natürlich für einen Platz am Meer entscheiden, da ich zu ihm eine innige Beziehung habe und welches ich als Element liebe. Ich liebe es zu schwimmen und einzutauchen. Sooft ich kann, finde ich mich zum Spiel mit ihm ein, wie als kleiner Junge.
Aller Anfang ist schwer – beharrlich bist Du zum Erfolg aufgestiegen und hältst ihn über mehrere Generationen. Heutzutage werden Talente mit viel Spektakel in den Talentshows aufgespürt und innert kürzester Zeit verbrannt. Ist es heute einfacher, die Erfolgsleiter zu erklimmen?
In der Tat ist heute der Weg zum Erfolg auch dank TV kürzer und schneller, allerdings muss dieser Erfolg danach gehalten werden können, was nicht dem Konzept der Talentshows entspricht, da diese auf Austausch der Personen ausgelegt sind. Dies ist jedoch nicht nur das Problem der Popmusik: in allen Ausdrucksformen herrscht eine Form von Bulimie – wir fressen in uns hinein ohne Genuss. Als etwas in die Jahre gekommener Künstler erlaube ich mir jedoch, entgegen meinen jungen und kritischeren Kollegen, auch etwas Positives in der jenseitigen Abartigkeit dieses Hauchs von vorgetäuschter Realität zu sehen. Die Jugendlichen verstehen, dass dieser Beruf ein hartes und kontinuierliches Arbeiten voraussetzt. Auch nach 40 Jahren Beruf übe ich jeden Morgen die Tonleitern rauf und runter.
Deine Arbeit ist beeindruckend: Du hast zahlreiche Lieder geschrieben, weltweit Konzerte gegeben, einen Roman und ein Filmdrehbuch verfasst, zwei Moderationen im TV mit Fabio Fazio bewältigt – kommt als nächstes das Theater? Würde Dir eine One-Man-Show Spass machen?
Die Idee gefällt mir ausserordentlich und ich arbeite daran. Manchmal vergnüge ich mich zwischen den Tourneen damit, alleine in kleinen Orten aufzutreten. Das Theater ist ein faszinierender Schauplatz, da sich hier Wort und Musik als Ausdruck der Gefühle kombinieren lassen. Ich würde gerne meine Liebesgeschichte mit meinem Klavier erzählen, von der ersten Begegnung, als es in mein Haus gebracht wurde, über all die Jahre als treuer Begleiter bis zum heutigen Tag. Und als gelernter Architekt möchte ich auch gerne das Theater selber planen, denn das Gefäss ehrt den Inhalt!
Die Ausarbeitung Deines Romans hat wohl auch Deine schriftstellerische Begabung in Fluss gebracht, welche möglicherweise in der Metrik des Komponierens verfangen war. Was ist freier – die Musik oder das Wort?
Mit Sicherheit die Musik, denn Musik ist eine Empfindung im reinen Zustand, sie ist beinahe metaphysisch, sie ist Wind, Wasser und Luft. Worte sind weniger frei, denn sie sind an Konventionen gebunden. Worte dienen der Verständigung, aber die Musik vermittelt gleichzeitig Freude und Trauer. Auf der einen Seite steht die reine Empfindung, auf der andern Kennzeichen.
Du hast etliche Hymnen zu sportlichen Grossanlässen komponiert, beispielsweise jene für unsere Fussball-Nationalmannschaft, für die athletischen Spiele „Van Goof“ und die Weltmeisterschaften im Schwimmen in Rom. Siehst Du darin auch eine Möglichkeit, eine Botschaft über den Sport zu vermitteln?
Für einen Musiker ist dies ein gewichtiger Moment, denn sein Werk wird zum Symbolträger des gesamten sportlichen Anlasses. Und zusätzlich appelliert die Hymne auf feierliche Weise an die universellen Werte, welche dem Sport eigen sind: Fairness, Kraft und Aufopferung. Um auf das Thema der „einen und einzigen Welt“ zurückzukommen, bedeutet Sport, abgesehen von wenigen Ausnahmen, Integration und Nachbarschaft der Völker.
Du hast mit Rauchen aufgehört, glaubst an Toleranz und Werte, bist ein guter Vater und hast all die Jahre Deiner Karriere nie Anlass zu Polemik und Skandal gegeben. Bist Du perfekt oder hast auch Du kleine Makel?
Ich habe wohl zahlreiche Makel, jedoch versucht man im Leben die positiven Seiten zu zeigen und die Unzulänglichkeiten zu verbergen. Einer meiner Mängel ist bestimmt mein Stolz, wenn ich mir in den Kopf setze, wieder einmal etwas Komplexes durchzuziehen. Andrerseits verleiht es mir auch die Kraft, meinen Beruf nach all den Jahren immer noch voll Leidenschaft auszuüben.
Claudio, vielen Dank für unser Gespräch und auf bald im Kongresshaus, wo Dein Konzert an einem speziellen Tag stattfindet…
In der Tat, heute ist der letzte Tag meiner Fünfziger. Eigentlich ist auch ein Geburtstag ein gewöhnlicher Tag, welchem wir jedoch eine spezielle Bedeutung beimessen. Wahrscheinlich lassen sich öffentliche Glückwünsche nicht vermeiden, auch wenn ich dabei ziemlich verlegen werde. Stell Dir vor, während meiner Tournee und zu meinem Fünfzigsten bin ich derart beglückwünscht worden, als handle es sich um das Heilige Jahr und nicht um ein sich immer wiederholender Anlass.
Claudio, herzlichen Dank für Deine Bereitschaft, und auch wenn heute ein Tag wie jeder andere ist… Herzlichen Glückwunsch!
Paola Volk, Mai 2010

Claudio Baglioni ist 1951 in Rom geboren und hat Klavier, Gitarre, Harmonie- und Kompositionslehre studiert. Im September 1970 ist sein erstes Album erschienen - seither hat Baglioni 28 Alben veröffentlicht. Er hat über 360 Kompositionen geschaffen, darunter die Hymne der italienischen Fussballmannschaft 1998 oder die Hymne der Winterolympiade 2006. Zudem hat Baglioni drei Bücher geschrieben sowie vier Photobände und mehrere Textsammlungen herausgegeben. Als Architekt hat Claudio Baglioni Freilichttheater, ein innovatives Wandertheater und die Umgestaltung des Gaswerks von Rom für Unterhaltungszwecke und soziale Einrichtungen projektiert. In der Millenniumsnacht (1999/2000) hat Baglioni auf dem Petersplatz vor 300’000 Zuhörern ein grossartiges Konzert für Papst Johannes Paul II. gegeben. Claudio Baglioni ist in allen musikalischen Stilrichtungen zu Hause und hat auf der Suche nach neuen Ausdrucksformen mit vielen grossen Künstlern wie Vangelis, Ennio Morricone, Bruce Springsteen, Peter Gabriel, Bob Geldof, Paco De Lucia, Sting, Art Garfunkel, Andrea Bocelli, Laura Pausini, Gianni Morandi, Riccardo Cocciante, Monserrat Caballé oder Astor Piazzolla zusammengearbeitet. Im November 2008 startete Claudio Baglioni die QPGA-Tour mit 26 Konzerten in nur einem Monat. Es war ein erster Einblick in sein grosses Projekt "QPGA". Bald schon wurde klar, dass das "Projekt QPGA" eine größere Sache war. Claudio Baglioni hatte sich seinen großen Wunsch erfüllt, seine QPGA-Liebesgeschichte aus dem Jahr 1972 komplett neu zu interpretieren. So wurde die Liebesgeschichte sogar verfilmt und ab Februar 2009 in den italienischen Kinos gezeigt. Zudem schrieb Claudio Baglioni ein Buch über seine Liebesgeschichte - QPGA-der Roman – das im März 2009 erschien. Bald darauf, im Juni 2009 startete Claudio dann eine neue Tour - die QPGA-Gran Concerto Tour - eine Openair-Tournee durch ganz Italien, die in Rom begann und im September 2009 ihren Abschluss in der Arena von Verona fand. Es war eine technisch aufwändige Tour, bei der während des Konzerts mittels eines Grossbildschirms im Hintergrund der Bühne Ausschnitte des QPGA-Films gezeigt wurden. Ende November 2009 brachte Baglioni dann das langersehnte Doppelalbum QPGA heraus - ein Meisterstück und ein Meilenstein in der italienischen Musikgeschichte. Die Doppel-CD entstand unter Mitwirkung von 70 bekannten italienischen Sängern - die alle jeweils einen kleinen Part seiner 52 Stücke übernahmen - darunter waren Stars wie Mina, Pausini, Giorgia, Morandi, Cocciante, Venditti, Bennato, Jovanotti, Boccelli, Mannoia und viele andere. Ein Staraufgebot, das die breite Verankerung und Bedeutung von Claudio Baglioni in der italienischen Musikszene dokumentiert.
