Kultur: im Gespräch mit Regisseur Ferzan Özpetek
Herr Özpetek, in „Mine Vaganti“ werden zwei Themen behandelt: Homosexualität und die berufliche Selbstbestimmung eines jungen Menschen. Für sich genommen wäre jedes der Themen schon ein Film wert, weshalb diese Koppelung?
Beide Themen liegen nahe beieinander, sind Teile eines Ganzen. Es geht um das Leben, um Erwartungen. In diesem Fall um die Erwartungen des Vaters an seinen Sohn. Grund für seinen Herzinfarkt ist die Homosexualität des Sohnes sondern, die Tatsache, dass sich dieser anders verhält, als es der Vater von ihm erwartet. Der Sohn sagt ihm „ich bin nicht dein Arm, dein Herz“, das heisst ich bin nicht ein Teil von dir, Ich bin etwas Anderes, etwas Eigenes. Das ist der Punkt. Wie zwei Bäume, die nahe beieinander stehen, aber nicht verbunden sind. Der Vater wünscht sich, dass dies so wäre aber ob der Sohn glücklich ist, fragt er sich nicht.
Mal weg vom Film: was ist schwieriger, der Familie zu sagen, dass man beruflich seinen eigenen Weg geht, entgegen der elterlichen Vorstellung oder, dass man eine Sexualität lebt, die nicht den Konventionen entspricht?
Beides ist ähnlich schwierig. Es kommt auf die jeweiligen Eltern und ihre Erwartungen an.
Ihr Vater wollte nicht, dass Sie Filme machen, sondern, dass Sie einen „soliden Beruf“ erlernen. Sein Respekt wuchs dann mit Ihrem Erfolg. Was hat sich für Sie geändert als seine Akzeptanz, sein Respekt einsetzte. Bremst es einen, wenn die Eltern nicht gut finden, was man tut?
Ist der Film ein Aufruf an junge Leute, dazu zu stehen anders zu sein, den eigenen Weg zu gehen? Nein, ich will keine Botschaften vermitteln. Ich will einfach einen Film machen, den ich selbst gerne am Bildschirm gesehen hätte. Es liegt mir fern, den jungen Leuten zu sagen, wie sie leben sollen.
Weshalb haben Sie den Film als Komödie inszeniert? Die stärksten und bewegendsten Szenen im Film sind, die, bei denen es um die Gefühle der Protagonisten geht und darum sich selber zu sein, auf Teufel komm raus. Besonders ergreifend ist die Szene am Schluss, als der Vater an der Beerdigung schliesslich sich nach seinem Sohn umdreht und sein Blick sich ändert. Weshalb die humoristische Verpackung? Lachen ist wichtig. Das ist meine Lebensphilosophie. Man muss positiv bleiben auch, oder gerade in den schwierigen Situationen im Leben. Ich sehe es nicht gerne, wenn jemand über das eigene Unglück weint und in Selbstmitleid versinkt.
Schade und eigentlich nicht zu glauben ist, dass sie schöne Frau im Film, Nicole Grimaudo in Sachen Liebe leer ausgeht. War das von Anfang an klar? Nicht nur sie, auch der Protagonist geht leer aus. Aber am Schluss entsteht ein ganz starkes Gefühl zwischen den beiden, das sie verbindet.
Was ist Ihr nächstes Projekt, woran arbeiten Sie gerade? Seit 14 Tagen arbeite ich an einen neuen Film-Projekt. Die Geschichte von vier Frauen, die zusammen reisen, an eine Hochzeit in die Türkei fahren. Es geht um die weibliche Sicht auf die Dinge. Herr Özpetek ich danke Ihnen für das Gespräch. - mit Ferzan Özpetek sprach Gregor Faust, August 2010.
Leider ist mein Vater, kurz nachdem ich Erfolge verzeichnete, an Alzheimer erkrankt, sodass er nicht lange mitfeiern konnte. Mein Vater hat immer gewollt, dass ich einen Doktortitel habe und als ich dann in Italien den Ehrendoktortitel erhalten habe, war ich stolz und es hätte mir viel bedeutet, wenn mein Vater das mitbekommen hätte. Wir wollen es denen, die wir lieben, recht machen, das steckt in allen von uns. Wir wollen sie zufrieden stellen, möchten, dass ihre Erwartungen in Erfüllung gehen.
Nicht unbedingt. Im Gegenteil, es kann sogar ein Ansporn sein, dass man erst recht beweisen will, dass man es kann.
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Mine Vaganti heisst der neue Film von Ferzan Ozpetek, zu Deutsch Männer al dente. Al dente, vermutlich, weil es im Leben wie beim Pasta kochen um den richtigen Zeitpunkt geht. Den Zeitpunkt für Geständnisse, den richtigen Moment, um der Familie zu sagen, wer man ist und wie man lebt. Aber der Reihe nach.
Ferzan Ozpetek hat einen neuen Film mit dem Titel Mine Vaganti gedreht. Frei aber sinngemäss kann das etwa mit „wandelnde Pulverfässer“ übersetzt werden, was sich auf ein paar Charaktere der Geschichte und ihrer Bereitschaft zu explodieren bezieht. Die offizielle Deutsche Übersetzung des Films heisst Männer al dente und im ersten Moment fragt man sich weshalb. Doch dann wird einem klar, für Tommaso, den Protagonisten und jüngsten Sohn einer Pasta-Produzenten Familie ist das festliche Familienessen der richtige Zeitpunkt für sein coming out. Seine Familie denkt, dass er in Rom Ökonomie studiert aber in Wirklichkeit ist es Literatur, er möchte Schriftsteller werden und ausserdem ist er homosexuell. Vor dem Fest weiht er seinen Bruder ein und dieser fällt ihm ins Wort als er beim Essen die Stimme erhebt...
Mine Vaganti ist eine subtile Komödie all’italiana um die Themen wer bin ich? Wie lebe ich? Stehe ich dazu? Ferzan Ozpetek erzählt die Geschichte der Familie Cantone, die lernt, sich gegenseitig zu akzeptieren.