05. Februar 2012
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Reisen: Eis mit Herz

Von Katja Büllmann

Mehr als nur eine Eisdiele ist Katia di Pietros „Gelateria Arte Fredda“ in Alberobello. Für Go-Italy öffnete die Eisprinzessin ihr Eis-Labor: Lesen Sie hier alles über den coolsten Job der Welt.

Sie ist kaum mehr als 1,50 m groß, schon im Frühjahr Ibiza-braun und ihre Augen strahlen wie Leuchtturmfenster bei Nacht. Leuttürme, italienisch „faro“, sind die große Leidenschaft von Katia di Pietro, Eismacherin im süditalienischen Alberobello. Ihre Gelateria (http://www.artefredda.com) exakt zwischen der Altstadt und der berühmten Siedlung aus 101 Trullo gelegen, steht und hängt voll davon, handgetöpfert, naiv auf Leinwand gemalt oder als Setzkastenfiguren. Irgendwo findet sich immer noch eine freie Ecke. Gesammelte Gastgeschenke von Besuchern aus aller Welt, die Katia mit ihrem Eis bezirzte.

Katia ist so etwas wie eine Eismeisterin aus alter veronesischer Familientradition. Ihr Vater, Paolo, war einer der berühmtesten Eismacher Italiens, heute ist er in Rente und der Nachwuchs poliert weiter an der Legende, der kleine Bruder Roberto von Verona aus (La Boutique del Gelato) und Katia seit gut 15 Jahren im apulischen Itria-Tal. Pistazieneis mit giftgrünen Kernen aus Bronte auf Sizilien, geerntet auf den fruchtbaren Feldern rund um den Äthna, die intensiv nussig schmecken und so grün sind wie die Wiesen rund um Alberobello im April. Oder Walderdbeere, mit knallroten, saftigen Früchten aus dem Trentino. Datteleis mit Datteln aus Israel, Walnusseis mit Nüssen aus dem Sorrent, erfrischendes Orangeneis mit sizilianischen Blutorangen, mehr als 30 verschiedene Eisaromen finden sich auf der liebevoll bemalten, hölzernen Eistafel. Wer sich nach ein paar Löffelchen nicht vom Fleck weg in den magischen Ort und seine Eisprinzessin verliebt, hat keinen Geschmack – oder kein Herz.

Gelateria del cuore nennen die Einheimischen den kleinen, liebevoll gestylten Laden, Eisdiele der Herzen. Im Hochsommer geht morgens um neun das erste eisgefüllte Cornetto über den Ladentisch und nachts um 10 ist noch längst nicht Schluss. Katia liebt diese Bewegung. Ihre Eisdiele lockt die Welt ins verschlafene Itria Tal, Japaner, Amerikaner, Russen, wer immer sich in die märchenhafte Gegend verirrt, kommt um ein Eis bei Katia nicht herum. Und weil es so unvergesslich gut ist, muss man für den Rückweg natürlich noch ein zweites mitnehmen.Bisher verstand man sich am Largo Martellotta, 47, ohne viele Worte. Ein Eis ist ein Eis ist ein Eis, egal in welcher Sprache. Was ihre Gäste am liebsten mögen, sieht Katia ihnen an der Nasenspitze an, auch durch die Glasscheibe ihres Eislabors hindurch, wo sie auf ihrem Schemelchen steht und Eis macht, Stunde um Stunde. Sie hat ein bisschen was von Juliette Binoche in „Chocolat“, wenn sie nach vorn kommt, in den Laden oder auf die Terrasse, und Eisbecher maßschneidert. Am liebsten nimmt sie den Spachtel selbst in die Hand und streicht die Eisdelikatesse behutsam in die krossen Waffeln.

Feigen-Eis, Kaki, Mispel-Eis kommt bei den Erwachsenen gut an, cremiges Weinsorbet aus Moscato de Trani oder Cassata Siciliana. Kinder mögen es lieber  klassisch, Mandeleis etwa, das vollmundig nach Marzipan schmeckt, Vanille mit zartem Jasmin und Veilchenaroma, oder Schokolade, dunkelbraun und streichfest wie halbgefrorene Nutella. Unter einer der altmodischen, silbernen Metallmützchen hinter der Theke, ital. „cono“,  findet sich für jedermann eine kleine Eis-Offenbarung. Wenn nicht, erfindet sie eine, wie  das „gelato al riso“, aus Rundkornreis, Milch, Zucker, Eiern, Vanillemark und Akazienhonig, für ihre asiatischen Gäste.

Dass Alberobellos Eisprinzessin heute, mit Mitte 40, anfängt, Englisch zu lernen, hat weniger mit Verständigungsproblemen zu tun als mit ihrem zweiten Standbein, Kurse gibt die umtriebige Eiskünstlerin  nämlich auch, in Koch- und Konditoreikunst und natürlich im Eismachen, für Erwachsene und Kinder. Nicht im Itria Tal, sondern in Bari, eine halbe Autostunde nordwärts. In Apuliens Hauptstadt will die geschäftstüchtige Eisfrau demnächst auch eine hochmoderne Eisbar eröffnen, individuell und ausgefallen wie  Arte Fredda, vielleicht nur einen Tick kosmopolitischer. Wenn sie sich einen Moment hinsetzt und Cafe bestellt, schwarz, ohne alles, um einen Moment durchzuatmen, nach einem 12, 13, 14 Stunden Tag an der Theke und hinten im kleinen Eislabor, mit dem überlebensgroßen Blender, dem riesigen Spachtel und den zwei gigantischen Eismaschinen, wenn ihre großen, dunklen Kulleraugen ruhig werden und fast so etwas wie Leuchtturm-Stille aufkommt, bleibt die Zeit stehen bei Arte Fredda - für den Bruchteil einer Sekunde. Momente wie diese sind rar, irgendwas gibt es immer zu tun.

Frische Früchte kaufen auf dem Wochenmarkt in Putignano, wenigstens dreimal die Woche. Kittel in die Wäscherei bringen oder neue mit ihrem Namen besticken lassen, zur Hochsaison braucht  sie eine Handvoll davon am Tag. Und, und, und... Montag, ihrem einzigen freien Tag pro  Woche, hat Katia auch mal Zeit für den Ehemann und die neunjährige Tochter, spätestens, wenn sie vom Joggen zurückkommt, denn Abschalten muss auch mal sein.  Den neuen Mini, der vor der Gelateria steht, eine zweite Leidenschaft der kleinen Leuchtturmfrau, hat sie noch nicht einmal richtig ausgefahren auf den kurvigen Straßen rund um Alberobello. Dabei hat die Saison noch gar nicht angefangen.

Text und Bilder: Katja Büllmann, Juli 2010

"Gelateria del Cuore"

http://www.artefredda.com/

(Bilder aus Homepage artefredda.com)