Culinarium: Claudio Del Principe - der Texter und Koch, seine Frau und ihre Kinder..
Von Gregor Faust
Der Werbetexter Claudio Del Principe
hatte mit einem Arbeitskollegen in der Agentur nur ein Thema: Kochen.
Damit ging er den anderen so auf die Nerven, dass er beschloss, einen
Blog einzurichten, um sich dort auszutoben. Das hat er 2007 getan. Vor
kurzem kam mit Anonyme Köche das Buch zum Blog heraus. Gregor Faust
sprach mit Claudio Del Principe über Nahrung.
Claudio,
du bist Werbetexter, der einen Blog gegründet und vor kurzem das Buch
Anonyme Köche herausgegeben hat. Wie bist du zum schreiben gekommen?
Ich
hab eigentlich schon immer geschrieben, schon als Teenager. Ich hatte
auch schon immer das Bild vor Augen, davon Leben zu können. Das Ideal
des unabhängigen Schreibers. Beruflich trieb es mich aber zunächst in
eine völlig andere Richtung, bevor ich mit über 30 dann Werbetexter
wurde.
Wie kamst du zur Werbung?
Ich bin
da reingestolpert. Irgendwann in meinem Leben kam ich mit Leuten in
Kontakt, die gleich tickten wie ich und durch die tat sich mir eine
neue Welt auf. Ich habe herausgefunden, dass ich für Werbung Ideen
liefern und diese gut formulieren kann. Das war’s.
Hat dein Blog dein Schreiben verändert?
Ja,
er hat mir geholfen, eine Selbstsicherheit zu entwickeln, die vorher
nicht so ausgeprägt war. Durch den Blog bekam ich beim Schreiben eine
Nähe zu mir selbst und merkte: hey, du musst hier keine Show abziehen.
Mach einfach, was in dir steckt und was dir Spass macht. Dein Ding,
einfach für dich. Und nicht auf Biegen und Brechen eine Erfolgsstrasse
fahren wollen.
Siehst du Gemeinsamkeiten zwischen Sprache und Essen?
Beides
führen wir uns zu, beides nährt uns. Beides sollte man bewusst wählen,
bevor man es in den Mund nimmt. Gutes Essen ist oft mit guten
Gesprächen verbunden.
Eine Gemeinsamkeit ist auch, dass es beim
Texten wie beim Kochen um Präzision geht. Ungenauigkeiten verderben den
Brei. Unwahrheiten stören mich in beiden Disziplinen. Zum Beispiel,
liest man oft, man müsse Fleisch ganz heiss anbraten damit sich die
Poren schliessen. Das ist Unsinn. Haut hat Poren, aber nicht das
Fleisch.
Was mich interessiert ist die Vielfalt und diese
auszudrücken. Mich nervt, dass bei den Deutschen immer alles „lecker“
ist, aussieht oder schmeckt. Wo es doch unzählige Synonyme für dieses
Wort gibt.
Im Merum stand: „Der Italo-Schweizer Claudio Del Principe...“. Wie gefällt dir der Ausdruck „Der Italo-Schweizer“?
(Schmunzelt) Besser als Secondo.
Auch ungenau...
Ich
hab die Lösung auch nicht. Secondo ist ein schweizerischer Ausdruck, in
Deutschland und Österreich wird er nicht verwendet und ich weiss nicht,
was man damit eigentlich sagen will. Der Wortstamm ist lateinisch, wäre
also Beispielsweise für Kroaten unpassend, wird aber auch auf sie
angewendet. Und dann die Generationen. Secondo (der Zweite) bezeichnet
ja die zweite Generation, greift also zeitlich kurz. Was ist mit denen,
die in der dritten und vierten Generation hier sind, sind das auch noch
Secondos? Den Vogel hat einmal das Tages-Anzeiger Magazin abgeschossen,
indem es den Begriff Terzo verwendet hat. Oder warum bezeichnet man
einen Schweizer mit Deutschen Eltern nicht als Secondo? Ich reagiere
auf solche Worte und Ausdrücke allergisch.
Apropos allergisch: was würdest du niemals essen?
Ich
bin zum Glück kein richtiger Allergiker aber bei gewissen Dingen habe
ich in ethischer Hinsicht Mühe. Es muss nicht unnötig exotisch schein.
Die ganze Haltung nach exklusivem Food ist überholt. Das kommt noch aus
der Nachkriegszeit, als es wieder besser ging und dann die Dekadenz
möglichst hoch sein musste. Das ist mir von der Lebenshaltung her
fremd. Für mich liegt der Reiz im lokalen, im saisonalen. Unprätentiös,
dafür gut. Und das jeden Tag. Das Voyeuristische gefällt mir aber schon
auch. Afrikanische Riesenschnecken, die in Englischen Kochshows
zubereitet werden. Super. Aber das Zusehen genügt mir in diesem Fall.
Wieso soll ich das hier bei mir zu Hause reproduzieren? Auf den
Philippinen gibt es eine Spezialität der besonderen Art: Erbrochenes
vom Hund mit Koriander. Aber wieso sollte man so was hier tun?
Das ist nicht wahr, oder?
Doch
natürlich. So was gibt es alles. Aber Käse ist auch etwas merkwürdiges,
wenn es nicht Teil der eigenen Esskultur ist. Frag mal einen Japaner.
Was ist perverser? Wir mit prix garantie-Schnitzel aus zweifelhafter
Haltung oder der Philippiner mit seinem Hund?
Haben deine Kinder dein Kochverhalten beeinflusst, verändert?
Zum
Teil. Ich bin in der privilegierten Lage, von zu Hause aus arbeiten zu
können. Um 11 Uhr aus dem Büro zu laufen und eine Suppe aufzusetzen,
das ist schön. Eine Sauce köcheln lassen, dann die Kinder zu empfangen.
Salat, Suppe, Hauptgang essen. So ein Mittagstisch ist traumhaft. Ganz
wichtig: die Gespräche. Für mich ist der gesellschaftliche Teil des
Essens sehr wichtig. Meine Söhne können dann erzählen, was in der
Schule lief, während ich den nächsten Gang serviere. Es geht darum,
dass man gemeinsam Zeit verbringt. Ich muss aber auch damit leben, dass
mir meine Jungs sagen, dass sie nur noch weisse Pasta wollen, dass ich
ihnen mit meinem Sugo auf die Nerven gehe.
Passiert das?
Und
ob. Der ältere ist zehn und weiss die Vielfalt meiner Küche zu
schätzen. Er ist sehr offen probiert euch Neues. Der Kleinere, sieben,
will aber einfach Pasta mit Butter drauf. Geschmack ist etwas, was sich
entwickelt. Ich habe zum Beispiel mit sieben keine Auberginen gegessen.
Gibt es Wunschkonzerte?
Ja. Ich frage sie
auch immer mal wieder ab. Was sind aktuell eure drei Lieblingsessen?
Das schreiben wir natürlich auch gleich auf. Ich ertappe mich aber,
dass ich ähnlich wie meine Mutter frage. Mich hat sie manchmal genervt
früher. Kaum hatte ich den letzten Bissen des Mittagessens runter
geschluckt, hat sie gefragt, was ich zum Abendessen haben möchte. Ich
hab gedacht „hey lass mich doch einfach mal mit deiner Kocherei in
Ruhe“.
In Martin Suters neustem Roman geht es um einen
Koch. Du warst an seiner Lesung und hast ihm dein Buch mitgebracht. Wie
hat er reagiert?
Zunächst gar nicht (schmunzelt). Der Arme
war völlig vergrippt und hat beim Signieren meines Buches gar nicht
gecheckt, dass ihm da einer sein Buch mitgebracht hat und ihm das
schenken möchte. Er hat sich zwar bedankt aber ich glaube er stand an
diesem Abend neben sich und wusste nicht so recht, was er damit sollte.
Ein paar Wochen später sind wir uns dann aber in Leipzig begegnet und
zu meiner Überraschung wusste er, wer ich bin und was ich tue. Das hat
mich natürlich gefreut.
Du bist ein Suter-Fan
Natürlich
ist Martin Suter ein Vorbild für jemanden wie mich. Er war ja auch
Werbetexter, bevor er ausgestiegen ist und sich nur noch dem freien
Schreiben gewidmet hat. So würden wir es doch alle gerne machen.
Unabhängig und auch öfters in wärmeren Gefilden schreibend.
Dein
Leben als Freischaffender klingt aber auch gut, wie du es in deinem
Buch schilderst. Zwischen Kundenmeeting und Präsentation holst du die
Kinder ab. Bekochst sie, nimmst dir Zeit für Gespräche. Gibt es auch
Tage, an denen es Stress ist? Mühsame Kunden, alles geht länger, eine
riesen Schlange im Supermarkt an der Kasse. Die Kinder vielleicht
nervig.
Ich geniesse es wirklich sehr, von zu Hause aus zu
arbeiten. Und meine Frau und ich können unser Glück zum Teil kaum
fassen. Natürlich kommt vieles aber erst mit der Routine. Mittlerweile
sind wir alle, meine Frau, die Kinder und ich, gut eingespielt. Ich
plane viel voraus und entlaste mich so. Am Dienstag, überlege ich schon
mal, was wir am Freitag essen wollen, was ich dafür wann einkaufen
muss. Auch Reste verwerten ist wichtig und man kommt damit sehr weit.
Irgendetwas ist bei mir immer auf dem Herd und brodelt vor sich hin.
Das war früher bei uns zu Hause schon so und ich fand das als Kind
immer schön. Dass da ständig etwas am Köcheln ist, das hatte irgendwie
etwas Magisches.
Es war deine Mutter, die dich beeinflusst hat?
Ja. In einem Italienischen Haushalt ist es in der Regel die Mutter, die das Zepter, bzw. den Kochlöffel schwingt.
Wer kocht besser, Männer oder Frauen?
Ich
denke, ein wesentlicher Charakterzug des Mannes ist, dass er es zum
Hobby macht. Zur Leidenschaft, zum Sport. Und er will in diesem Sport
eine Medaille gewinnen und auf einem Podest stehen. Deshalb sind Köche
in der Gastronomie eher Männer. Frauen wie so oft, wie bei der
Kindererziehung machen einen riesen Job, sehen es aber einfach als
alltägliche Arbeit. Sehr unprätentiös aber auf hohem Niveau. Sie
verlangen nicht wie ein Mann, dass man ihnen jeden Tag auf die Schulter
klopft.
Geht deine Frau arbeiten, während du, neben dem Schreiben den Haushalt machst?
Nein.
Meine Frau hat sich bewusst dafür entschieden, für die Kinder daheim zu
sein. Jetzt, da beide in der Schule sind, könnte sie wieder einen Job
annehmen. Aber die Hürden für einen Wiedereinstieg sind hoch.
Und das geht?
Es
geht irgendwie, aber wir leben nicht auf grossem Fuss. Luxus ist für
mich, dass ich zu Hause arbeite, eine Pause mache kann, wenn meine
Buben um vier Uhr nach Hause kommen. Dafür gehen wir nicht an exklusive
Orte in die Ferien. Meine Wahl.
Ihr fahrt sicherlich oft nach Italien, wo deine Eltern heute wieder leben. Was ist Heimat für dich?
Ein Ort, an dem man sich daheim fühlt.
Gérard
Depardieu sagt er liebe die Italienische Küche, weil es bei ihr ums
essen geht. Franzosen seien Meister in der Dekoration. In deinem Buch
äusserst du dich auch in diese Richtung. Wenn man dich aber so sieht
und deine Texte liest, weiss man, dass du ein Ästhet bist. Wie wichtig
ist das Äussere?
Franzosen und das hat mich oft geärgert,
komponieren besser, schöner. Die Kunst liegt für mich im Weglassen. Das
heisst nicht weniger schön, im Gegenteil. Es ist doch wie mit
Motorrädern, ein Nakedbike ist was sehr schönes. Wer will schon eine
Goldwing?
Was ist Stil?
Eine Mischung aus
Nachlässigkeit und Eleganz. Und wenn du ganz nah bei dir selber bist,
bei dem, was du tust. Man sollte nicht lackiert sein. Wie beim Kochen:
zu viel Theater bringt nichts.
Sich selber treu sein, hat auch Stil.
Geld zum Beispiel ist nicht alles. Mein Blog läuft mittlerweile gut,
ich habe 2000 Besucher pro Tag. Dennoch mache ich dort keine Werbung,
obwohl das finanziell für mich interessant wäre. Meine Leser sollen
ihre Ruhe haben auf meine Blog. In Ruhe lesen können.
Wen würdest du vergiften, wenn du ihn bekochen müsstest?
Eigentlich niemanden. Ich habe eine Milde gegenüber dem Leben und seinen Menschen entwickelt, bin freundlich und tolerant.
Auch nicht Jo Limmer, der auf monsterkoeche.de dein Buch gnadenlos zerrissen hat?
Nein,
den schon gar nicht. Das fand ich witzig. Ich bin selber ja auch gut im
Austeilen und wir alle lesen doch gerne einen Verriss. Ich überlege mir
sogar, die von Jo Limmer zu Beginn meiner nächsten Lesung vorzutragen.
Zur Einstimmung.
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